Frohe Feiertage!

Festtagsgrüße vom Ende der Welt

Die letzten Tage waren allesamt sehr intensiv und aufregend und es fühlt sich wirklich sehr seltsam an wieder hier zu sein – so neu und doch so vertraut. Da wir die letzten Tage jeden Tag bis zu 8h auf dem Eis zum Filmen waren, erreicht euch dieser Blogpost erst jetzt. Ich fange aber ganz von vorne an, damit ihr nichts verpasst :).


Am 16.12. wurde ich von meiner Frau zum Flughafen nach Stuttgart gefahren, um von dort aus zunächst nach Frankfurt und dann weiter nach Kapstadt zu fliegen. Meine Frau und ich haben uns zwar schon einmal für eine lange Zeit auf Wiedersehen gesagt, nämlich bei meiner Überwinterung 2012, doch dieses Mal fiel mir das Abschied nehmen noch viel schwerer. Ich kann nicht wirklich beschreiben was in jenen Minuten in mir vorging, doch ich weiß ganz sicher, dass ich dieses Gefühl nie wieder haben möchte. Es flossen eine Menge Tränen und selbst wenn ich jetzt an den Abschied denke drückt es meine Stimmung auf den absoluten Nullpunkt. Ich werde sie nun 11 Monate lang nicht sehen und 11 Monate lang werden wir unser Leben nur sehr sporadisch teilen können. Viele Leute beneiden mich um die einmalige Chance in der Antarktis einen Film drehen zu können, doch viele Leute vergessen eben auch den Preis, den man für so ein Abenteuer zahlen muss. 

Die ersten Tage in Kapstadt begonnen daher auch etwas schleppend, auch wenn der Flug an sich ok war. Immerhin hatte ich einen netten Sitznachbarn, der extrem begeistert davon war, endlich einmal „einen dieser Filmemacher“ zu treffen. Wir unterhielten uns sehr intensiv und ihm wurde klar, dass aufwändige Naturdokumentationen und tolle Bilder von den entlegensten Gebieten der Erde von Menschen gemacht werden, die dafür lange Zeit ohne ihre Freunde und ihre Familie auskommen müssen – ein Umstand, der ihm sehr imponierte. 

Kapstadt an sich fühlte sich wieder einmal sehr surreal an. Einerseits ist man gerade auf dem langen Weg zum kältesten und einsamsten Ort der Erde, andererseits brennt an der Waterfront die Sonne und tausende Menschen sorgen für niemals endenden Trubel. Dieses Mal waren wir in einem Hotel direkt an der Waterfront untergebracht – der Breakwater Lodge. Die Anlage war früher ein Gefängnistrakt und wurde vor einigen Jahren in ein Hotel ummodelliert. Insgesamt hat es mir aber nicht so gut gefallen, wie das „Inn on the Square“ direkt an der Long Street, in dem ich 2011 und 2013 untergebracht war. Insbesondere die Zimmer sind leider sehr klein, so dass ich des öfteren mit meinem Gepäck im Clinch lag wenn ich mich im Zimmer bewegen wollte. 

Während wir in Kapstadt auf unseren Flieger warteten nutzten wir die Zeit um die Gegend ein wenig zu erkunden und das hervorragende südafrikanische Essen zu genießen. Mit einem Touristenbus fuhren wir bspw. in den botanischen Garten nach Kirstenbosch (der übrigens UNESCO Weltkulturerbe Status hat) um uns dort mit unseren neuangeschafften Kompaktkameras auseinander zu setzen. Kurz vor meiner Abreise hatte ich mir noch eine Sony RX-100 IV zugelegt, da ich eine kleine Kamera haben wollte, mit der ich die Anreise fotografieren und filmen könnte und die zusätzlich Bilder im RAW-Format abspeichern und 4K Video aufnehmen kann. Ich muss gestehen, dass dieses „kleine Ding“ meine Erwartungen weit übertroffen hat und sich in diesem Segment einiges getan hat. Zum Teil kann ich in der Lightroom-Vorschau nicht mehr unterscheiden ob ein Bild auf der Sony oder meiner D500 geschossen wurde, denn beide haben etwa 20 Megapixel und bei guten Lichtverhältnissen, so gut wie kein sichtbares Rauschen. In Kirstenbosch erlebten wir dann auch ein erstes kleines Highlight unserer Reise. Abseits der Wege neben einem kleinen Bachlauf bestaunten wir zunächst eine sehr große und sehr giftig aussehende Spinne bevor Lindsay dann ca. 10m von uns entfernt einen Fleckenuhu entdeckte, der vollkommen unbeeindruckt von unserer Gegenwart sein Gefieder pflegte. Wir verbrachten sicherlich eine Stunde mit ihm, filmten und fotografierten (leider war das Licht nicht sehr toll), bevor wir uns dann langsam zurückzogen und weiter im botanischen Garten herumliefen. 

Einen Tag darauf erreichte dann auch der Rest der ÜWIs Kapstadt und wir fuhren gemeinsam in das Hafenlager, in dem unser Gepäck lagerte, um noch ein letztes Mal die Seesäcke zu kontrollieren und unsere Flugtaschen mit ins Hotel zu nehmen. In der Flugtasche befinden sich die wichtigsten Kleidungsstücke für die Ankunft an Novo – Mütze, Handschuhe, gefütterte Arbeitsschuhe mit Stahlkappe und der Polaroverall, der von allen nur „Tempex“ genannt wird. Kurz vor der Landung mit der Ilyushin an Novo werden dann alle Passagiere aufgefordert ihre Polarkleidung anzuziehen. Unser Abflug in die Antarktis war für den 21.12. angesetzt und somit um einen Tag nach hinten verschoben worden, da das Wetter in Novo eine Landung der Ilyushin nicht erlaubte. Zuvor hatten wir am 20.12. noch ein Preflight Briefing bei ALCI und wurden dort über den prinzipiellen Ablauf des Fluges und die Besonderheiten der Flugzeuge mit denen wir fliegen würden informiert. Am morgen des 21.12. ging es dann endlich los. Unsere Koffer hatten wir bereits am Tag davor bei ALCI gewogen und abgegeben, so dass wir nur unser Handgepäck und unsere Flugtasche mitnehmen mussten. Mein Handgepäck bestand im Wesentlichen aus meinem Fotorucksack, der die 8kg Gewichtsobergrenze mit dem 400mm f/2.8, 105mm f/1.4, 70-200mm f/2.8, der D810, D500 und 2 MacBook Pros nur marginal überschritt. Obwohl das Frühstücksbuffet im Hotel noch nicht offiziell eröffnet war konnten wir ein paar Bissen zu uns nehmen bevor es dann mit dem Bus gemeinsam an den Flughafen ging. Hier hatte ich dann mein erstes, größeres Deja-Vu der Reise. Genau wie 2011 stand auch dieses Mal wieder der Flug nach „Antarctica“ auf den Anzeigetafeln und auch am Check-In war die Destination unseres Fluges unverkennbar. In Sachen Boardingkarten hat sich ALCI stark weiterentwickelt, denn der neue Pass sah wirklich viel besser aus, als der alte. Die Wartezeit nach der Sicherheitskontrolle verging wie im Fluge, so dass wir uns schnell im Bus wiederfanden, der uns auf den Runway fuhr. Dort stand sie: die Ilyushin Il-76 – das russische Transportflugzeug, das uns in die Antarktis bringen würde. Im Innenraum hatte sich ebenfalls nicht wirklich viel getan. Es gibt insgesamt vier kleine Bullaugenfenster und der Innenraum des Flugzeugs wird von vielen Flaggen verschiedenster Nationen geschmückt. Ich hatte Glück und einen Sitz direkt in der ersten Reihe erhalten, was eine enorme Menge an Beinfreiheit bedeutete und mir ermöglichte das gesamte Geschehen zu dokumentieren. Beispielsweise hatten wir mit Sergej und Katerina zwei Flugbegleiter, die sich rührend um uns kümmerten, uns mehrfach Snacks und Getränke brachten und uns anschließend noch beim Ausladen der Maschine halfen. Im vorderen Teil des Flugzeugs befindet sich nach wie vor der enorme Fernseher auf dem während des Fluges sowohl Fluginformationen angezeigt als auch Filme abgespielt werden. Und als hätte ich das Drehbuch für den Flug geschrieben: Spy On The Ice, ein Naturfilm bei dem Eisbären mit Hilfe von getarnten Kameras gefilmt wurden, wurde auch dieses Mal wieder gezeigt – alles wie 2011. Die Dixi-Toiletten im hinteren Teil des Flugzeugs sind ebenfalls immer noch Stand der Technik und werden auch in Zukunft meine Zuhörer amüsieren, wenn ich mal wieder einen Vortrag halte :). 

Sowohl der Start als auch die Landung wurden aufgrund mangelnder Fensterplätze live von Kameras aus dem Cockpit des Navigators übertragen und waren genau so eindrucksvoll wie 2011. Es ist schon ein Wunder, wie sich dieser Koloss von einem Flugzeug mit etlichen hundert Tonnen in die Luft erhebt und dann langsam aber sicher nach oben bewegt. Nach ca. viereinhalb Stunden Flugzeit überquerten wir den Südpolarkreis, was uns auf dem Bildschirm auch mit einer hübschen Animation mitgeteilt wurde. Jetzt galt es langsam aber sicher in die Polarkleidung zu schlüpfen und sich für die Landung vorzubereiten. Auf dem Fernseher konnte man nun die schier endlosen Eismassen der Antarktis sehen und einige mit Schnee bedeckte Berge in der Ferne. Während wir nach und nach unsere Flughöhe verringerten wurde uns langsam aber sicher bewusst, dass unsere Landebahn dieser unscheinbare und leicht grauschimmernde Strich inmitten der ansonsten uniform weißen Wüste war, die vor uns lag. Die Aufregung war nun auf Ihrem Höhepunkt angelangt und ich fühlte meinen eigenen Herzschlag. Sekunden später heulten die Triebwerke in einer unvorstellbaren Lautstärke auf und das gesamte Flugzeug fing an zu vibrieren und zu wackeln. Nach fünfeinhalb Stunden waren wir endlich in der Antarktis gelandet – auf einer Landebahn aus reinem Eis. Ein Gefühl des Heimkommens erfasste mich und die Vorfreude auf unsere spannende Aufgabe :). 

Zeit um diesen besonderen Moment zu genießen blieb allerdings nicht, denn ich musste nun die Ankunft von Lindsay und Will für das „Making of“ filmen. Geblendet von der Sonne und dem hellen Schnee stieg ich also schnell aus dem Flieger aus und positionierte mich einige Meter von der Maschine entfernt. Die Einstellungen für Gain, Fokus, Blende und Belichtung lassen sich leider nur ein wenig umständlich einstellen (an winzigen Buttons), aber vielleicht fehlte mir auch einfach die Übung mit unserer Sony PXW-X70. Ich wurde jedoch rechtzeitig mit allem fertig und konnte dann die ersten Schritte der beiden auf dem antarktischen Kontinent filmen. Nun ging es ans Ausladen der Maschine, denn insgesamt befanden sich allein von uns ca. 550kg Kameraequipment in insgesamt 25 Pelican-Cases und Taschen. Per Menschenkette beförderten wir die teilweise bis zu 30kg schweren Kisten nach außen und kontrollierten deren Vollständigkeit. Das Ganze dauerte ca. eine Stunde und unser Flieger, die Lidia (eine BT-67), wartete schon auf uns. Als wir gerade unser Equipment einladen wollten erreichte uns jedoch die erste Hiobsbotschaft unserer Reise. Der Pilot weigerte sich unser Gepäck mitzunehmen, da er nicht genug Kapazität in der Maschine hatte und erst einmal die neue Crew nach Neumayer fliegen musste. Ursprünglich war geplant mit zwei separaten Fliegern für Cargo und Crew abzuheben, doch der zweite Flug war kurzfristig gestrichen worden. Es blieb uns nicht anderes übrig als das gesamte Equipment an Novo zu lassen und zu hoffen, dass es in den nächsten Tagen nachkommen würde. 

Wir schnappten uns daher schnell eines der wichtigen Ladegeräte für unsere Making of Kamera aus den Kisten und stiegen in den Flieger ein. Etwas müde und betroffen erlebten wir den Start. Jetzt hieß es noch einmal zwei Stunden fliegen, bevor wir endlich an unserem finalen Ziel ankommen würden. Der Flug innerhalb der Antarktis zählt immer zu den Highlights der ansonsten langen und anstrengenden Reise, denn die vorbeiziehende Landschaft ist einfach atemberaubend. Unzählige Bergketten und Nunatakker sind bei guter Sicht in der Ferne zu erkennen und zum Teil fliegt man über imposante Spaltengebiete. Der schönste Augenblick jedoch war, als sich durch die Wolken in der Ferne der Ozean zeigte und wir mit der Maschine über die Atka-Bucht flogen. Keine Minute später konnten wir dann auch endlich Neumayer aus dem Flieger erkennen. Glücklicherweise mussten wir aufgrund des leichten Windes erst an der Station vorbeifliegen und für die Landung drehen, so dass wir die Gelegenheit hatten einige Bilder aus dem Flieger heraus zu schießen. Wieder heulten die Motoren laut auf und die Maschine fing an zu zittern und zu poltern – wir waren endlich an Neumayer angekommen. 

Nun bin ich bereits seit fünf Tagen wieder an Station und irgendwie fühlt es sich an als wäre ich niemals weg gewesen. Die meisten Dinge sehen noch genauso aus wie 2011, selbst die Gerüche der Räume sind immer noch gleich. Ich war erstaunt darüber, dass mein Kleinhirn viele der Bewegungsabläufe (Treppensteigen, Öffnen der Türen, etc) immer noch verinnerlicht hatte und ich viele Dinge vollkommen automatisch tat. Selbst an das Geräusch des Aufzuges und beim Herunterlaufen der Treppen im Treppenhaus erinnerte ich mich sofort. 

Die größte Änderung, die sich seit meiner Abreise 2013 an Station ergeben hat ist, dass die gesamte Skidooflotte von Neumayer ersetzt wurde. Die alten Bombardier Alpine III wurden nun gegen PRB Lynx 69 Yeti Motorschlitten getauscht. Zwar haben diese Skidoos mit knapp 65PS mehr Leistung als die alten und sind dank ihres Viertaktmotors auch leiser und geruchsneutraler, doch aufgrund ihrer relativ schmalen Spur und des hohen Schwerpunkts neigen sie stark zum Kippen. Insbesondere zu Beginn des Winters, wenn das Meereis von unzähligen Presseisrücken übersäht ist, wird dies sicherlich noch zu einer Herausforderung für uns und unser Material auf den Nansenschlitten werden. 

Auch die Festivitäten zu Weihnachten sind relativ unverändert gegenüber meiner ersten Überwinterung. Am Abend des 24.12. fanden wir uns alle in der Messe ein um ein wunderbares Festmahl zu uns zu nehmen. Los ging es mit einer Karotten-Ingwer-Kokosmilchsuppe Zimtrahm. Als Hauptspeise hatten wir dann eine hervorragende geschmorte Gänsekeule mit Blaukabis und Briochknödel. Last but not least gab es als Dessert ein Bratapfelragout mit karamellisierten Walnüssen, und dazu Vanilleeis mit Spekulatiusbruch. Das Essen war einfach rundum ein Gaumenschmauß und ich bin immer wieder mehr als erstaunt, dass man am Ende der Welt so toll essen kann. Vielen Dank an unsere Köche Sven und Sven für dieses fantastische Weihnachtsmahl.

Unmittelbar nach dem gemeinsamen Essen ging es dann zum inoffiziellen Teil des Abends über und bei einem Glas Wein oder Bier wurde über die verschiedensten Dinge des Alltags gesprochen – vom anstehenden Urlaub im Warmen über die neuesten Kameramodelle (an dieser Diskussion beteiligte ich mich natürlich) oder über die wunderbaren Wintertage einer Überwinterung. Für den nächsten Morgen war anstatt des Frühstücks um 7:00 Uhr ein Brunch um 11:00 Uhr angesetzt, so dass wir uns dann nach einigen anstrengenden ersten Tagen auch einmal ausschlafen konnten. 

Der 25.12. begann wie er besser nicht hätte beginnen können. Das Wetter war gut: warme Temperaturen, kaum Wind und auch die Sicht war aufgrund der nur sehr lockeren Bewölkung hervorragend. Man teilte uns mit, dass sich gegen 12:30 Uhr eine Twin Otter von Novo auf den Weg nach Neumayer machen würde, um uns endlich unter Equipment zu bringen. Gegen 15:30 Uhr standen Will, Lindsay und ich also am Flugfeld, gemeinsam mit einigen von den Stationsingenieuren und warteten auf den Flieger. Ein leichtes Brummen kündigte die Twin Otter aus der Ferne an und endlich kamen auch unsere langersehnten Kameras, Objektive und Batterien an. Die Kisten waren schnell verladen und an Station verstaut. 

Bereits am folgenden Tag wollten wir losfahren auf das Meereis, da es immer wieder Indizien dafür gab, dass es bald aus Sicherheitsgründen geschlossen werden könnte. Zunächst packten wir also die wichtigsten Utensilien in die zugehörigen Koffer, luden alle Akkus auf und montierten die Kisten auf unserem Nansenschlitten. Wettermäßig hatten wir ein sehr stabiles Fenster erwischt und bis auf ein paar Wolken am Himmel war es absolut windstill (ca. 5 Knoten) und warm (-2.5°C). Ab sofort fuhren wir also jeden Tag raus aufs Meereis um dort die Kaiserpinguine und die zur Zeit anwesenden Adeliepinguine zu filmen. Einige wunderbare Aufnahmen sind uns bereits gelungen und ein guter Grundstein für das Projekt ist gelegt. Jetzt hoffen wir, dass Polarstern bald entladen wird und wir an den Rest unseres Equipments gelangen können, damit wir noch einige weitere Aufnahmen, die wir im Kopf haben machen können. Darüber werde ich euch dann aber in einem gesonderten Blogbeitrag informieren.

Bis dahin, viele Grüße aus der Atka-Bucht! 😀